Adolf Cluss, Schwenkbare 11-Inch-Kanone, Zeichnung um 1860
Adolf Cluss, Schwenkbare 11-Inch-Kanone, Zeichnung um 1860

Marinewerft in Washington, 1860er Jahre
Marinewerft in Washington, 1860er Jahre

1872/73 erbaute Abwasserkanäle in Washington
1872/73 erbaute Abwasserkanäle in Washington

Ingenieur in Washington DC

Vor seiner Karriere als selbstständiger Architekt arbeitete Cluss als Ingenieur, und auch während und nach seiner Selbstständigkeit waren seine technischen Kenntnisse häufig gefragt. Nach einer kurzen Tätigkeit als Vermessungszeichner bei der US-Küstenwache im Sommer 1849 arbeitete Cluss in den 1850er und 1860er Jahren in Washington bei der US-Marinewerft und in der Bauabteilung des US-Finanzministeriums an Projekten wie der Vermessung des Anacostia River sowie dem Entwerfen und Testen von Waffen und Schmelzöfen.

1864 fertigten Adolf Cluss und sein Partner Josef Wildrich von Kammerhueber auf Anfrage der Stadt Washington ein Gutachten, in dem die Verengung und Vertiefung des Washington Canal ebenso empfohlen wurde wie der Bau eines Abwassersystems für die Stadt - was eine Diskussion auslöste, die schließlich 1871 zur Bildung des Städtischen Baurats (Board of Public Works) führte.

Der vom Kongress eingesetzte, aus fünf Mitglieder bestehende Städtische Baurat sollte Straßen, städtische Gebäude, Wasserversorgung und Abwassersystem der Hauptstadt überwachen und verbessern. Ein ehrgeiziges Programm wurde entwickelt, der "Umfassende Plan für Verbesserungen" (Comprehensive Plan of Improvements). Cluss als Chefingenieur der Stadt und seit 1872 selbst Mitglied des Baurates war für Straßenbaumaßnahmen und das Abwassersystem zuständig. Er überwachte den Bau von Abwasserkanälen, die Verengung und Pflasterung der ungewöhnlich breiten Straßen Washingtons und die Planungen zur Pflanzung von Alleebäumen entlang der Straßen und Plätze.

Die Umsetzung des "Umfassenden Plans" endete in einem riesigen Skandal, als sich herausstellte, dass mit Finanzmanipulationen politische Günstlingswirtschaft und Kostenüberschreitungen verschleiert worden waren. Der US-Kongress setzte Anfang 1874 einen Untersuchungsausschuss ein, vor den auch Cluss geladen wurde. Er musste zugeben, Dutzende von Belegen beglaubigt zu haben, obwohl er gewusst hatte, dass diese auf unvollständigen oder falschen Angaben beruhten. Cluss beharrte darauf, dass die letzte Verantwortung für den Skandal bei seinem Vorgesetzten Alexander R. Shepherd lagen, der seit 1873 Gouverneur des Districts of Columbia und zuvor Leiter des Städtischen Baurats gewesen war. Shepherd hatte Cluss mehrfach umgangen und dessen Ingenieure persönlich angewiesen, falsche Belege auszustellen.

Shepherd machte seinen politischen Einfluss geltend, um Cluss aus seinem Amt zu heben. Doch er überdauerte seinen Chefingenieur nur um wenige Wochen. Im Juni 1874 schaffte der Kongress mit der Territorialregierung auch den Städtischen Baurat ab. Fortan unterstand die Verwaltung von Washington einer Bundeskommission; die Aufsicht über die öffentlichen Arbeiten wurden dem Ingenieurskorps der Armee übertragen.

Durch seine Mitwirkung bei der Aufklärung des Skandals galt Cluss nach dem Ende der Ära Shepherd als rechtschaffener Mann. Doch sein Ruf als Bauingenieur nahm in den folgenden Jahren Schaden. Das Abwassersystem, an dessen Realisierung er beteiligt gewesen war, funktionierte nicht, und die Straßenbefestigungen mussten schon nach kurzer Zeit fast vollständig erneuert werden. Wie Cluss erging es allerdings vielen Vertretern der ersten Generation moderner städtischer Ingenieure von Berlin bis Chicago, die sich in dieser Zeit rasanter urbaner Veränderungen nie dagewesenen Aufgaben zu stellen hatten.

 

 

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